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YouTube vs. Aufklärung (plus Update vom 25.2.2022)

Autor*in: Mark
4 Minuten
YouTube vs. Aufklärung (plus Update vom 25.2.2022)

Am 18. Dezember 2021 fand auf dem Geschwister-Scholl-Platz in Wuppertal-Barmen eine Demonstration von Kritikern:innen der Corona-Maßnahmen statt, hinzu gesellten sich die üblichen Verdächtigen: Impfgegner:innen, Coronaleugner:innen, Querdenker:innen, Identitäre und Rechtsextreme. Das Wuppertaler „Bündnis gegen Nazis“ rief zum Gegenprotest auf. Am Rande der Veranstaltung führte das Medienprojekt Wuppertal Interviews, in denen sowohl Unterstützer als auch Gegner der Proteste zu Wort kamen. Aus dem geschnittenen Material entstand der Film "Misstrauisch", der anschließend auf den Online-Plattformen YouTube und vimeo veröffentlicht wurde.

Bereits Sekunden nach vollzogenem Upload jedoch schlugen die Algorithmen der Google-Tochter YouTube Alarm, 20 Minuten später erfolgte die Sperrung des Films, weil er angeblich die Richtlinien des Videoportals verletze. Gegen diese Sperrung legte das Medienprojekt unverzüglich Widerspruch ein - man sei ein gemeinnütziger und öffentlich geförderter Verein, die Kommentare der Demonstrationsteilnehmer:innen spiegelten ausdrücklich nicht die Meinung der Filmemacher:innen wider, der Film sei wichtig für die politische Bildung und von der Pressefreiheit gedeckt. 

Doch auch nach einer weiteren Sichtung durch die YouTube-Redaktion blieb das Video offline. O-Ton der Begründung: "Inhalte, in denen der Nutzen des von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) oder von lokalen Gesundheitsbehörden empfohlenen Social Distancing oder der Selbstisolation ausdrücklich infrage gestellt wird und die dazu führen könnten, dass Menschen sich nicht an diese Empfehlungen halten, sind auf YouTube nicht erlaubt.“

Solchermaßen missverstanden und mit Textbausteinen abgemeiert, ging das Medienprojekt nun juristisch gegen die Sperrung vor. In Abstimmung mit dem Medienrechtsanwalt Michael Ulrich formulierte man eine Abmahnung, um YouTube zum Einlenken zu bewegen. Doch die Rechtsabteilung des Konzerns reagierte mit einem lapidaren Dreizeiler und schaltete auf stur.  

Um eine Wiederveröffentlichung doch noch durchzusetzen, müsste das Medienprojekt nun eine einstweilige Verfügung erwirken und ein Gerichtsverfahren in die Wege leiten. Doch davon will man - vornehmlich wegen der finanziellen Risiken - absehen und stattdessen den Fall filmisch aufbereiten.

Drei Fragen an Andreas von Hören, Leiter des Medienprojekts:

Habt ihr zuvor schon Erfahrungen mit Sperrungen von Videobeiträgen des Medienprojekts gemacht?
Bisher gab es keine Sperrungen von Filmen. Uns ist die freie Meinungsäußerung und freie Kunst von jungen Menschen durch ihre Filme ein wirklich sehr wichtiges Anliegen. Das sieht das Grundgesetz ja auch als wichtiges Gut und verbietet eine Zensur. YouTube sieht das scheinbar ein bisschen anders ...

Die Redaktion von YouTube erkennt ja offenbar nicht den dokumentarischen Charakter von "Misstrauisch". Hätte man die Sperrung nicht vielleicht mit einem deutlicheren Titel für den Beitrag verhindern können? 
Der programmatische Titel „Misstrauisch“ war nicht das Problem des Filmes, sondern die impfkritischen und z.T. antidemokratischen Meinungsäußerungen darin. Für uns gibt es keinen Zweifel an der Aussage des Beitrags. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, in Filmen dokumentarisch zu arbeiten. Aus Fernsehreportagen und -magazinen kennt man die journalistisch einordenden Kommentare der Autor:innen. Wir setzen in unseren Filmen auf unkommentierte, meinungsstarke Wirklichkeitsbeschreibungen, die Menschen mit verschiedenen Blickwinkeln zu Wort kommen lassen. Und wir setzen auf ein kompetentes Publikum, welches dies für sich einordnen kann. So ist die dokumentarische Kraft der Bewegung durch den Film unmittelbarer, emotionaler und größer. Diese scheinbar unreglementierte Kraft der Bilder ist natürlich „gefährlich“, dramaturgisch bestimmt die Montage die Wirkung.

Werdet ihr eure Filme weiterhin auf der kommerziellen Plattform YouTube veröffentlichen?
Für uns ist immer ganz wichtig, unsere Filme zuerst als Premiere auf eine Kinoleinwand hier in Wuppertal zu bringen, weil im Kino die Filme besonders nachhaltig wirken. Aber natürlich ist – gerade in Pandemiezeiten – die digitale Publikation und Rezeption von Filmen über Social-Media-Plattformen wie YouTube, Vimeo, Facebook oder Instagram total wichtig, auch, weil sich hier viele junge Menschen aufhalten. Dass wenige sehr kommerzielle Konzerne hier die Macht haben, hat seine demokratischen Tücken, wie in diesem vorliegenden Fall zu sehen. Wir bleiben weiter kämpferisch durch Filme.

"Misstrauisch" kann auf vimeo weiterhin gesichtet werden:

© 2021 • Foto (Filmstill) oben und Video > Medienprojekt Wuppertal

  

Update 25. Februar 2022 (Auszug aus der Pressemitteilung des Medienprojekts):

"In der Auseinandersetzung zwischen dem Medienprojekt Wuppertal und YouTube zur Sperrung des Kurzfilms 'Misstrauisch' gibt es nun eine überraschende Wendung. Das Medienprojekt [ ... ] freut sich über die Reaktivierung seines zwei Monate lang gesperrten politischen Kurzfilms [ ... ] durch YouTube. Der wiederholte, auch durch Medienfachanwälte unterstütze, Widerspruch und Protest gegen die Sperrung war nun erfolgreich."

„Misstrauisch“ auf YouTube anschauen: https://www.youtube.com/watch?v=-60uuIdRqCs