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Rede zur Wuppertaler Hanau-Demo am 19.02.21

Autor*in: Meieli
2 Minuten
Rede zur Wuppertaler Hanau-Demo am 19.02.21

250 Menschen kamen zur Demo auf dem Geschwister-Scholl-Platz, um an die Opfer des rassistischen Anschlags von Hanau zu erinnern. Ein Redebeitrag:

"Heute vor einem Jahr war ich nicht in Deutschland, ich habe von dem Anschlag nichts mitbekommen. Als ich zurück nach Deutschland kam, schämte ich mich dafür, bei Gesprächen über den Anschlag nicht mitreden zu können. Ich informierte mich also eigenständig über den Terror, den die Menschen vor einem Jahr erlebt haben. Ich las viel über einen Einzeltäter mit psychischer Vorerkrankung, über rassistische Motive, über sein Manifest. Ich las auch etwas über polizeiliches Versagen, über eine Verlängerung des Waffenscheins des Täters, über Notrufe, die nicht eingingen und über unbefriedigende Aufklärung. Über die Menschen, die ihr Leben verloren, las ich wenig ...

Ich fing an, mich zu fragen, warum ich so wenig bis gar nichts über diesen rassistischen Terroranschlag auf einen Teil der deutschen Bevölkerung mitbekommen habe, obwohl unsere globalisierte Welt so gut vernetzt zu sein scheint.

Terroranschlag ist eben nicht gleich Terroranschlag!

Ich sehe, dass es eine Rolle spielt, wie der Täter aussieht. Ist er ein weißer Cis-Mann, dann ist die Chance groß, dass er psychisch krank ist und evtl. am Rande rassistisch. Entspricht er diesem Raster jedoch nicht, dann wird schnell von einem Terroristen gesprochen. Ich sehe, dass es eine Rolle spielt, wer die Betroffenen sind. Ferhat Unvars Mutter sagte in einem Interview dazu: "Warum musste mein Kind sterben? Weil er keine blonden Haare und keine blauen Augen hatte und ein psychisch kranker Rechtsextremist legal eine Waffe benutzen durfte.” Ich sehe die Ungleichheit in der medialen Berichterstattung. Ich sehe die Ungleichheiten, denen wir ausgesetzt sind, wenn wir nicht dem oben genannten Raster entsprechen.

Aber ich sehe auch uns!

Ich sehe uns!

Ich sehe uns, die wir uns heute hier versammelt haben, um uns zu erinnern, an die Menschen, denen ihr Leben genommen wurde, an die Hinterbliebenen, die mit dem Schmerz weiterleben und an die Überlebenden. Ich sehe uns, wie wir uns gegenseitig empowern, uns sichtbar machen und den Schmerz teilen.

Ich sehe uns, wie wir etwas verändern, die Geschichte neu erzählen und den Betroffenen ein Gesicht und eine Stimme geben. Say their names:

Mercedes Kierpacz
Vili Viorel Paun
Sedat Gürbüz
Fatih Saraçoğlu
Ferhat Unvar
Gökhan Gültekin
Kaloyan Velkov
Hamza kurtovic
Said Nesar Hashemi"


© Foto: Mark Tykwer