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Rede bei Protest anlässlich einer Querdenkerdemo in Wuppertal

Autor*in: Bea
3 Minuten
Rede bei Protest anlässlich einer Querdenkerdemo in Wuppertal

Liebe Anwesende,



Trotz über 116.000 Corona-Tote und einer großen Dunkelziffer gehen immer mehr querdenkende Menschen auf die Straße um diese Tatsachen zu leugnen oder Corona kleinzureden. Sie scheinen weder Mitgefühl für das Leid der Betroffenen, ihren Angehörigen noch den Beschäftigten in Kliniken oder Labors zu haben. Das Leugnen von Fakten macht einen nahezu sprachlos und unglaublich besorgt. Glauben sie wirklich, dass dies alles eine große Inszenierung ist, die für sie aufgeführt wird, die Beerdigungen, die Bilder aus Intensivstationen, die monatelangen Long-Covid Beeinträchtigungen?



Sie sagen, dass sie für die Freiheit einträten. Aber wo sind sie, wenn gegen die Einschränkung des Versammlungsrechts oder die zunehmenden Kompetenzen der Polizei demonstriert wird? Wenn Linke ohne Genehmigung und unter Missachtung von Auflagen demonstrierten, würden ihr Versammlungen mit aller Rigorosität aufgelöst. Denk man aber quer, darf man in vielen Städten dieser Republik völlig unbehelligt über die Straßen laufen und gegen Auflagen verstoßen. Machmal gibt es sogar Zuspruch seitens der Polizei. 



Ich habe auch nicht vernommen, dass sich die Querdenkerbewegung nachdrücklich gegen die Mordaufrufe und Gewalt gegenüber Journalist*innen, Politikern, Pflegekräften, Virologen um nur einige zu nennen, positionieren. Viele in ihren Reihen haben kein Problem, neben offenkundigen Nazis zu laufen - sogenannte Mitläufer, die kennen wir aus unserer Geschichte.



Gänzlich unerträglich ist es, dass einige der Querdemonstrierenden mit einem Judenstern herumlaufen und sich als Opfer mit den Menschen gleichsetzen, die in unserem Land millionenfach beraubt, gequält und ermordet wurden. Morgen ist der Jahrestag der Wannsee-Konferenz auf der 1942 der systematische Völkermord an 11 Millionen europäischer Juden bis zur Perfektion getrieben koordiniert wurde.

 Aber es gibt schon einen gewissen Bezug zwischen Juden, Nazis und Impfung. Viele Nationalsozialisten hielten die seit dem Kaiserreich bestehende Impfpflicht für eine jüdische Erfindung. In den Protokollen der Weisen von Zion (eine Fälschung) auf die sich die NSDAP u.a. bezogen, wurde ausgeführt: Durch „Einimpfen von Krankheiten“ solle die Menschheit der „jüdischen Geldherrschaft unterworfen“ werden. Und der Herausgeber des Hetzblattes der Nazis Der Stürmer fabulierte, dass Impfungen von den Juden als Rassenschande in die Welt gebracht worden seien. Leitbild der Nationalsozialisten hingegen waren der „gesunde Volkskörper“ und viele waren Anhänger der Naturheilkunde. Sehe nur ich Parallelen zu heutigen Verschwörungserzählungen? Dieser mythenumwobene, völkische Darwinismus ist auf deutschen Straßen wieder präsent.



Trotzdem möchte ich natürlich nicht behaupten, dass alle Impfgegner*innen und Spaziergänger*innen Nazis seien. Daher rufe ich die Offenen, Besorgten und Ängstlichen auf, sich dringend mit den Fakten und der Geschichte auseinanderzusetzen, sich der Nähe mancher ihrer Argumentationen zu unheilvollen Parallelen in der deutschen Vergangenheit bewusst zu werden, und aufzuhören nur sich als Opfer zu inszenieren. Wir alle sind Opfer einer Pandemie und müssen uns jeden Tag Rechenschaft ablegen, wie wir mit dieser Herausforderung umgehen. 

Seid wachsam, dass ihr nicht denjenigen auf den Leim geht, die euch als Zielgruppe für ihre rechten Ideologien ausgeguckt haben. Grenzt euch klar nach Rechts ab und tretet auch für die Freiheit der Anderen ein, die für die Freiheit von unnötiger Krankheit, Tod und eine solidarische Gesellschaft eintreten. So können wir die Spaltung, die ihr beklagt überwinden. 



B. S., Wuppertal, den 19.1.22

Foto: U.F.