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Verschwörungstheorien – und wie sie sprachlich glaubhaft gemacht werden.

Autor*in: Stephanie
4 Minuten
Verschwörungstheorien – und wie sie sprachlich glaubhaft gemacht werden.

Verschwörungstheorien (VT) sind kein neues Phänomen, sie finden sich in der Geschichte den unterschiedlichsten Zusammenhängen mit zum Teil gravierenden Folgen im politischen Handeln (Beispiele: Hexenverfolgung, Dolchstoßlegende, antisemitische Konstrukte). Die neue Form medialer Öffentlichkeit durch Soziale Medien hat diese Erscheinung beschleunigt und verstärkt. Facebook, Twitter und Co. ermöglichen allen die Teilhabe am Diskurs in Echtzeit, was ein echter Fortschritt für die demokratische Meinungsbildung sein kann. Andererseits bergen die offen zugänglichen Plattformen das Potenzial zur Verbreitung und Verfestigung extremistischer Einstellungen. VT verstärken sich in den Echokammern des Internets, indem die Narrative im kollektiven Zusammenwirken immer weiter ausgesponnen werden: Fast jeder dritte Deutsche sei bereit, an VT zu glauben. Sie entfalten ihre demonkratiegefährdende Sprengkraft dadurch, dass sie politische Strukturen und politische Repräsentant:innen so grundlegend in Frage stellen, dass diese vollständig ihre Geltung verlieren oder sogar zum Objekt von Hass und Gewalt werden.

Der Referent David Römer ist Sprachwissenschaftler, das heißt er beschäftigt sich empirisch mit der sprachlichen Struktur, in der sich VT im Diskurs zeigen, unabhängig von deren Inhalt, Wahrheitsgehalt und politischer oder psychologischer Motivation. Was die daraus gewonnenen Erkenntnisse besonders interessant macht, ist die objektive Herangehensweise, die zur Dekonstruktion des Verschwörungsdenkens beitragen kann. Römer führt „die Masche“ vor Augen, nach denen die in sich geschlossenen Erzählungen aufgebaut sind, und zeigt die rhetorischen Strategien auf, mit denen dafür empfängliche Menschen eingefangen und an die propagierten Weltbilder gebunden werden.

VT greifen das umfangreiche Sprach- und Bildmaterial zu Ereignissen auf, die in verschiedenen Medien präsent sind. Dabei docken sie besonders an stark emotional besetzte Themen wie Terrorismus, politische Skandale, Katastrophen und globale Leitthemen wie aktuell die Corona-Pandemie oder den Klimawandel an. Die gängige Deutung dieser Vorgänge wird für unwahr erklärt und umgedeutet (Topos der fehlenden Beweise; Topos der physikalischen Unmöglichkeit), unter Zuhilfenahme von alternativen Erklärungsmuster, Zeugenaussagen und Belegen. Es wird das zielgerichtete, heimliche Wirken einer Gruppe behauptet, die Nutzen aus der Verbreitung der offiziellen, „falschen Wahrheit“ zieht. Das offizielle Framing wird einem umfassenden Reframing unterzogen.

Anhand eindrücklicher Beispiele von Posts in sozialen Medien verdeutlicht der Referent das „Entlarvungsvokabular“, dem sich VT durchgehend bedienen. Es ist geprägt durch eine intensive Polarisierung mit anhand wertender Begriffe: Negationen und Relativierungen einerseits und vergewissernde Wörter für die VT-Lesart andererseits. Beliebt sind Namensspiele und Wortneubildungen, beispielsweise „merkeln“ als Verb oder den von der rechtsextremen „Identitären Bewegung“ geprägten Begriff der „Umvolkung“. Hinzu kommen Metaphern mit einem bildgebenden und einem bildempfangenden Wort, zum Beispiel „Klimareligion“.

Es fällt auf, dass in autoritären oder totalitären Ideologien sowie Kriegspropaganda gestern und heute ein ähnliches Vokabular anzutreffen ist, das den Gegner extrem abwertet und deligitimiert.

Hier bietet sich ein selbstkritischer Blick auf den eigenen Sprachgebrauch im Rahmen des eigenen politischen Handelns an: Wann wenden wir die oben dargestellten, polarisierenden Sprachmuster an, um damit oftmals über eine sachliche Auseinandersetzung hinaus unsere eigene Position zu stärken?

An provokanten Zwischenfragen aus den Reihen der Teilnehmer:innen wird deutlich, dass das Infrage stellen von Verschwörungstheorien vehemente Abwehr auslösen kann. David Römer pariert die Einwürfe souverän und durchaus hart, indem er auf die Objektivität der linguistischen Forschung verweist, er lässt sich die Diskussion nicht aus der Hand nehmen. Damit zeigt er einen Weg damit umzugehen, wenn Menschen in Familie, Freundeskreis oder politischer Aktivität Verschwörungsdenken äußern: Ein klares Stoppsignal zu setzen, bevor die Saat aus Angst, Zweifeln und Feindbildern aufgehen kann.

Der Abend lädt dazu ein, sich aus anderen Blickwinkeln weiter mit dem Thema zu befassen. Buchempfehlungen aus dem Vortrag:

Anton, Andreas / Schetsche, Michael: Konspiration. Soziologie des Verschwörungsdenkens.
Butter, Michael: Nichts ist, wie es scheint. Über Verschwörungstheorien.
Nocun, Katharina / Lamberti, Pia: Fake Facts. Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen.

Das Webinar fand statt in der Bildungsreihe „Fight for Democracy – Wir sagen Nein zu Verschwörungsdenken und Rassismus, Rechtspopulismus, Hass und Hetze“ dessen Projektträger das Falken Bildungs- und Freizeitwerks Bergisch Land e.V. ist. An dem Projekt sind folgende Institutionen/Gruppen aus Wuppertal und Solingen beteiligt:

Aufstehen gegen Rassismus; Bildungs- und Gedenkstätte Max-Leven-Zentrum Solingen e.V.; die Börse Kommunikationszentrum Wuppertal; Falken Bildungs- und Freizeitwerk Bergisch Land e.V.; Informationsbüro Nicaragua e.V.; Institut für Demokratie- und Partizipations-forschung (IDPF) an der Bergischen Universität Wuppertal; KiTma e.V., Power of Color, Seebrücke Wuppertal; Sozialistische Jugend Deutschlands – Die Falken Bergisch Land; VVN/BdA Solingen; VVN/BdA Wuppertal; Wuppertaler Initiative für Demokratie und Toleranz e.V.

Das Projekt wird finanziert u.a. aus Mitteln des Bundesprogramms „Demokratie Leben!“ (www.demokratie-leben.de) und des Landesprogramms „NRWeltoffen“. Alle Infos zum Veranstalterkreis, den weiteren Terminen und den Teilnahmebedingungen findet ihr unter (http://fight4democracy.de). Hinweis: „Die Veröffentlichung stellt keine Meinungsäußerung des BMFSFJ oder des BAFzA dar. Für inhaltliche Aussagen tragen die Autorinnen und Autoren die Verantwortung“

© Foto: http://fight4democracy.de