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Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit – Ein Vorurteil kommt selten allein.

Autor*in: Stephanie
5 Minuten
Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit – Ein Vorurteil kommt selten allein.

Das Konzept der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (GMF) geht davon aus, dass Vorurteile gegen Minderheiten, die als „anders“ gelten, als gesellschaftliches Phänomen anzusehen sind, als eine umfassende Ideologie der Ungleichwertigkeit. Festgefügte, negative Einstellungen von Gruppen gegenüber andereren Gruppen können zu Ausgrenzung, Hass oder sogar gewalttätigen Handlungen führen.

Nico Mokros befasst sich intensiv mit diesem Thema, so konnte er tiefgehende, sorgfältig belegte Infos vortragen, die im Anschluss für eine angeregte Diskussion sorgten. Es wurde deutlich, dass ein Abend zu kurz war, um ausführlich auf alle Punkte einzugehen, so dass die Teilnehmenden wertvolle Impulse und Fragen mitnehmen konnten, um weiter darüber nachzudenken und zu sprechen.

GMF zeichnet sich dadurch aus, dass sich ablehnende Einstellungen vielfach nicht nur auf eine Minderheit beziehen, sondern gleich ein ganzes Cluster umfassen: Dazu gehören neben Rassismus, Ablehnung von Asylsuchenden und Antisemitismus auch Sexismus, Homophobie, Abwertung von Menschen mit Behinderung, wohnungs- oder arbeitslosen Menschen und einige mehr. Die Vorurteile sind sozial erlernt, häufig über Generationen vermittelt und geprägt durch negative Bilder, wie sie u.a. in den Medien von den betroffenen Gruppen gezeichnet werden. Selbst hinter vermeindlich positiven Zuschreibungen verbirgt sich oftmals eine herabsetzende Haltung.

Unabhängig von Inhalt und Zielgruppe eines Vorurteils, gibt es Eskalationsstufen, in denen sich GMF entwickelt, in denen sie von der bloßen Idee zur konkreten Handlung wird. Am Anfang steht die Kategorisierung, ohne die wir uns in der sozialen Welt schwerlich zurecht finden würden: Wir sortieren Menschen nach ihren äußerlich zutage tretenden Eigenschaften in Gruppen ein, nach dem sprichwörtlichen Schubladendenken. Dabei denken wir in Stereotypen, übersehen mitunter ihre Individualität. Im nächsten Schritt steht die Hierarchisierung, also eine Abstufung in Über- und Unterlegene. Von da aus ist es nicht weit bis zu gefestigten Vorurteilen und offener Feindseligkeit. Den Schritt ins Handeln bringt die Diskriminierung mit sich, also eine gelebte Ungleichbehandlung und Ausgrenzung. Im äußersten Falle endet die GMF in verbaler und phyischer Gewalt oder sogar in der Vernichtung der als minderwertig angesehenen Einzelmenschen oder Gemeinschaften.

Zum aktuellen Stand bezieht sich der Referent auf die Studie „Verlorene Mitte – Feindselige Zustände“ der Friedrich-Ebert-Stiftung über rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2018/19: https://dietz-verlag.de/isbn/9783801205447/Verlorene-Mitte-Feindselige-Zustaende-Rechtsextreme-Einstellungen-in-Deutschland-2018-19

Wenig überraschend zeigen die Zahlen, das GMF am rechten Rand des politischen Spektrums am deutlichsten auftritt – jedoch reichen menschenfeindliche Einstellungen bis tief in die gesellschaftliche Mitte herein. Auch wenn es aus der Mitte heraus selten zu offen diskriminierenden oder gewalttätigen Handlungen kommt, weil diesen etablierte Normen und Werte beziehungsweise Sanktionen entgegen stehen, können sich rechtsradikale oder rechtsextreme Einzelpersonen oder Gruppierungen getragen fühlen von einer breiten Masse, die ihre Überzeugungen zumindest in Ansätzen teilt. Außerdem fällt auf, dass sich GMF Denken unter Menschen der älteren Generationen häufiger zeigt, auch unter jenen, die nach der NS-Zeit aufgewachsen sind: Es stirbt nicht aus, anders als viele gehofft hatten.

Eine aus meiner Sicht wichtige Erkenntnis aus den Umfragen ist, dass GMF unter jüngeren Menschen häufiger in Erscheinung tritt, wenn sie nach Schulabschluss über einen geringeren Bildungsstand verfügen. Meine These hierbei ist, dass beim Lernen und in Folge dessen beim berufliche Vorankommen und bei der Teilhabe an Politik und Kultur benachteiligte Menschen ihrerseits Gruppen suchen, auf die sie herabsehen können. Entscheidend wäre hierbei, in Bezug auf (Schul-)Bildung endlich für die Chancengleichheit zu sorgen, die sich bundesdeutsche Schulpolitik seit Jahrzehnten auf die Fahnen schreibt, obwohl die Schere zwischen Bildungsgewinner:innen und -verlierer:innen immer weiter auseinander geht.

Eine weitere Möglichkeit zur Veränderung sehe ich in der schulischen und außerschulischen Bildungsarbeit, indem Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen nah an ihrer Lebenswelt Werte von Gleichheit sowie Achtung und Einfühlungsvermögen gegenüber „dem Anderen“ vorgelebt und vermittelt werden. Keine leichte Aufgabe in unserer Leistungsgesellschaft, in der Konkurrenz, soziale Ungleichheit usw. weit verbreitet sind.

Mut macht mit Blick auf die junge Generation, dass sich zunehmend eine Politisierung zeigt, im Sinne vom Einsatz von und für BPoC (Black Lives Matter, Flüchtlingsinitiativen), für die Umwelt (Fridays for Future) oder allgemein für eine solidarische Gesellschaft (ehrenamtliche Arbeit, freiwilliges soziales oder ökologisches Jahr). Nichtsdestotrotz bleibt es entscheidend, dass alle Menschen unanhängig von Alter, gesellschaftlicher Stellung und politischer Orientierung ein waches Auge behalten für GMF und sich im Zweifelsfalle in Wort und Tat einer „Ideologie der Ungleichwertigkeit“ entgegen stellen.

Das Webinar fand statt in der Bildungsreihe „Fight for Democracy – Wir sagen Nein zu Verschwörungsdenken und Rassismus, Rechtspopulismus, Hass und Hetze“ dessen Projektträger das Falken Bildungs- und Freizeitwerks Bergisch Land e.V. ist. An dem Projekt sind folgende Institutionen/Gruppen aus Wuppertal und Solingen beteiligt:

Aufstehen gegen Rassismus; Bildungs- und Gedenkstätte Max-Leven-Zentrum Solingen e.V.; die Börse Kommunikationszentrum Wuppertal; Falken Bildungs- und Freizeitwerk Bergisch Land e.V.; Informationsbüro Nicaragua e.V.; Institut für Demokratie- und Partizipations-forschung (IDPF) an der Bergischen Universität Wuppertal; KiTma e.V., Power of Color, Seebrücke Wuppertal; Sozialistische Jugend Deutschlands – Die Falken Bergisch Land; VVN/BdA Solingen; VVN/BdA Wuppertal; Wuppertaler Initiative für Demokratie und Toleranz e.V.

Das Projekt wird finanziert u.a. aus Mitteln des Bundesprogramms „Demokratie Leben!“ (www.demokratie-leben.de) und des Landesprogramms „NRWeltoffen“. Alle Infos zum Veranstalterkreis, den weiteren Terminen und den Teilnahmebedingungen findet ihr unter (http://fight4democracy.de). Hinweis: „Die Veröffentlichung stellt keine Meinungsäußerung des BMFSFJ oder des BAFzA dar. Für inhaltliche Aussagen tragen die Autorinnen und Autoren die Verantwortung“

© Foto: http://fight4democracy.de/