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BLM vs. ALM

Autor*in: Gast
4 Minuten
BLM vs. ALM

Ein Gastbeitrag von Shamsul I.

Beschäftigt man sich eingehender mit der „Black Lives Matter“ (BLM) Bewegung, stößt man unweigerlich auf Gegenstimmen, die darauf mit einem „All Lives Matter“ (ALM) antworten. Was im ersten Moment vielleicht plausibel und richtig klingt, kann bei genauerem Hinsehen problematisch sein. Wer ALM auf BLM antwortet, legt den Verdacht nahe, dass er die Quintessenz der Bewegung nicht richtig verstanden haben könnte. In den USA ist es so, dass junge schwarze Männer überdurchschnittlich häufig Opfer von tödlicher Polizeigewalt werden. Auch andere marginalisierte, also diskriminierte Gruppen, werden dort mehr als andere Opfer von Gewalt und strukturellem Rassismus. In Europa ist die Hautfarbe neben der Religionszugehörigkeit und der Herkunft immer noch einer der häufigsten Ursachen für Diskriminierung. Das hat tief greifende Hintergründe, die noch aus der Kolonialzeit stammen. Diese Diskriminierung manifestiert sich nicht nur in körperlicher Gewalt, sondern auch in sogenannten Mikro-Aggressionen, dem Zugang zu Bildung, dem Arbeits- und Wohnungsmarkt und zahlreichen weiteren Situationen. So werden junge Männer arabischer und afrikanischer Abstammung in Frankreich zum Beispiel 20-Mal häufiger von der Polizei kontrolliert als andere Gruppen – und das einzig und allein aufgrund ihres Erscheinungsbildes. Zwischen 2005 und 2015 wurden laut Angaben der NGO fast 100 Schwarze Menschen von der Polizei in Frankreich getötet. „Black Lives Matter“ bedeutet nicht, dass „ONLY Black Lives Matter“, sondern, dass „Black Lives Matter TOO“. Es bedeutet in keiner Weise, dass andere Leben nicht zählen oder die Leben von Schwarzen Menschen mehr zählen, sondern nur, dass die Leben von Schwarzen Menschen auch zählen.

Diese Bewegung ist 2013 nach dem Freispruch eines Polizeibeamten in den USA, der zuvor einen Schwarzen Teenager getötet hatte, entstanden. Der Junge war in einem Viertel unterwegs, wo überwiegend Weiße wohnen und wurde deshalb als „verdächtig“ eingestuft und ohne Gegenwehr erschossen. Die BLM Bewegung setzt sich außerdem mit dem Thema Racial Profiling, also, dass Menschen ohne konkrete Verdachtslage einzig und allein aufgrund ihrer äußerlichen Erscheinungen (insbesondere Hautfarbe und Religionszugehörigkeit), häufiger kontrolliert, durchsucht, überwacht oder verhaftet werden, Diskriminierung und Rassismus jeglicher Art auseinander. All Lives Matter ist eine Aussage, die stimmen sollte, aber nicht stimmen kann, solange es Menschen gibt, deren Leben für die vorherrschende Klasse weniger zählt als andere. All Lives Matter klingt schön, ist aber (leider) momentan noch eine Utopie. Wenn „Black Lives Matter“ schon nicht stimmt und das tut es offensichtlich nicht, wie man anhand des Rassismus sieht, den Menschen mit dunkler Hautfarbe tagtäglich erleiden müssen, dann kann „All Lives Matter“ nie stimmen. Dieser Slogan wird von rechtsextremen Gruppen verwendet, um die Diskriminierung von Minderheiten zu relativieren, weil sie den Claim BLM nicht verstehen und alleine das sollte Menschen wie uns, die auch von Diskriminierung betroffen sind und/oder aktiv dagegen vorgehen, davon abhalten „All Lives Matter“ zu sagen. Zumindest in dem Kontext von Black Lives Matter. Denn „All Lives Matter“, ist erst durch „Black Lives Matter“ entstanden und hat somit immer zwangsläufig etwas damit zu tun. Benutzt man es deshalb in dem Kontext der BLM Bewegung, lenkt man damit entweder von der BLM Bewegung ab, oder noch schlimmer, meint es bösartig, indem man den Fakt herunterspielt, dass Schwarzen Menschen auf der ganzen Welt schlimmes Unrecht widerfährt. Ich habe vor der Entstehung von BLM nie einen Menschen ALM rufen hören. Doch plötzlich fühlen sie sich davon auf den Schlips getreten, als würde man ihnen etwas wegnehmen wollen. Dass „White Lives Matter“, muss man nicht explizit sagen. Das weiß jede*r und sieht man jeden Tag auf der ganzen Welt. Wenn beispielsweise, weiße Menschen/Europäer  im Mittelmeer nach einem Kreuzfahrtunglück gerettet werden aber andererseits jeden Tag geflüchtete Menschen im Mittelmeer ertrinken müssen.  Wenn weiße Eltern ihren Kindern nicht beibringen müssen, wie sie sich der Polizei gegenüber verhalten sollen. 

 Zu sagen „All Lives Matter“, als Antwort auf „Black Lives Matter“, ist unsensibel. Wenn jemand zu dir kommt und sagt, dass er/sie eine Krebsstiftung gegründet hat, dann sagst du ja auch nicht „toll, aber es gibt auch andere Krankheiten“. So ist es, denke ich, auch mit „Black Lives Matter“. Es ist eine von vielen Bewegungen, die sich für die Gleichheit von Menschen einsetzt. Und das ist eine gute Sache. Bei der Demo am 25.05.2021 gab es auch Redebeiträge zu Gewalt und Rassismus gegenüber Türken und Arabern. Jede Form von Rassismus, Diskriminierung ist ein Verbrechen, sie zu vergleichen oder zu relativieren ist ignorant. Und vielleicht wird es, wenn sich weiterhin Menschen für die Gleichberechtigung einsetzen, allerdings wahrscheinlich erst, wenn wir schon tot sind, einen Tag geben, an dem alle Menschen gleich behandelt werden und die gleichen Zugänge zu Bildung etc. erhalten und der Ausruf BLM nicht mehr benötigt wird. Um dahin zu kommen, ist noch viel zu tun…

© Foto: Pixabay- mjimages