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„Rottet die Bestien aus“

Autor*in: Stephanie
3 Minuten
„Rottet die Bestien aus“

Wie schon sein Titel nahe legt, wirft der Filmessay „Rottet die Bestien aus“ einen ausgesprochen düsteren Blick in die Weltgeschichte des Kolonialismus über 600 Jahre. Die grausigen Tatsachen von Ausbeutung, Unterdrückung und Völkermord widerlegen den bis in die heutige Zeit fortdauernden Mythos von der Überlegenheit der westlichen Welt und weißer Menschen. Eine unbequeme Wahrheit!

Die Darstellung der geschichtlichen Zusammenhänge in dem Film ist so dicht, dass sie hier nur angedeutet werden kann. Peck verfolgt einerseits die Kolonialgeschichte Europas, angefangen mit den spanischen Konquistadoren über die brutale Herrschaft Leopold II (Belgien) im Kongo bis zu dem Völkermord an den Herero und Nama in „Deutsch-Südwestafrika“. Er bringt mit historischen Bilddokumenten verdrängte Tatsachen ans Licht, die einem aus heutiger Sicht aberwitzig erscheinen. Ein Beispiel sind die bis in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts in Europa verbreiteten Völkerschauen, in denen People of Colour wie Tiere im Zoo ausgestellt wurden, um sich von weißen Familien im Sonntagsstaat begaffen zu lassen.

Ein weiterer Schwerpunkt der Schilderung liegt auf der blutigen Geschichte der Vereinigten Staaten. Auf beiden amerikanischen Kontinenten ging die sogenannte „Entdeckung der neuen Welt“ mit der rücksichtslosen Enteignung und Ermordung der indigenen Bevölkerung einher, deren Kulturen dabei weitgehend zerstört wurden. Der Waffenkult in den USA basiert auf den Kriegen gegen die „Indianer“, makabererweise tragen militärisches Gerät und Operationen die Namen von indigenen Stämmen und Stammesführern. So trug der Einsatz zur Tötung Osama bin Ladens den Codename „Geronimo“, nach einem widerständigen Medizinmann der Apachen. Mehr noch als in europäischen Ländern, dauert im Selbstbild der USA die Idee einer gottgegebenen Überlegenheit fort mit dem Anspruch, imperialistisch die Welt beherrschen zu können. 

Ein roter Faden im Film ist der Zusammenhang zwischen rassistischer Ideologie und Völkermord, der sich durch alle genannten Beispiele aus der Geschichte der Moderne zieht. Den Holocaust sieht Peck dabei nicht als isoliertes Ereignis an, sondern als eine Erscheinungsform in einer Kette von Genoziden, die bis heute fortwirkt. Er seziert die tief liegende Ideologie des Rassismus, die Angst, Verachtung und Hass gegen nicht-weiße Menschen schürt. Diese fand mit pseudowissenschaftlichem Eifer und staatlich unterstützt weltweit Verbreitung, um die „Überlegenheit des weißen Mannes“ und damit die ungehemmte Ausbeutung und Versklavung der als minderwertig betrachteten Menschen anderer Hautfarbe zu rechtfertigen. 

Einiges davon wirkt bis heute nach, in der neokolonialen Aneignung von Ressourcen und Arbeitskräften der Länder des Globalen Südens, dem Tod von Geflüchteten im Mittelmeer, den vielen Formen strukturellen Rassismus. Dass das Leben nicht-weißer Menschen ebenso viel Wert und ebenso viel Würde hat wie ein weißes, bleibt bis heute alles andere als selbstverständlich. Peck ruft dazu auf, mit dem Wissen über die historischen Fakten die Machtstrukturen der Gegenwart grundlegend in Frage zu stellen. Nur durch die Anerkennung des erlittenen Unrechts und eine tiefgehende Veränderung gesellschaftlicher und politischer Realitäten lasse sich Frieden schaffen.

Formal ist der Film eine Herausforderung, gerade für Betrachter:innen, die langsamer wahrnehmen oder deren Sehgewohnheiten weniger von den neuen Medien geprägt sind: Die Bildfolgen sind zum Teil schnell geschnitten, voller assoziativer Sprünge zwischen verschiedenen Zeit- und Erzählebenen. Es finden sich Spielfilmsequenzen im Wechsel mit Dokumentarischem, animierte Abschnitte, Zitate aus Literatur, Filmen und Alltagskultur sowie autobiografische Bezüge. Teilweise ist es schwierig, dem Geschehen auf rationaler Ebene zu folgen und emotional mitzuschwingen: eine Menge Intensives, unglaublich dicht gepackt. Um alle Details und Sachinformationen herauszufiltern, liegt es nahe sich den ganzen Film oder einzelne Passagen mehrmals anzusehen.

Zu sehen ist die vierteilige Doku-Serie in der Arte-Mediathek:

https://www.arte.tv/de/videos/RC-022134/rottet-die-bestien-aus/

© Foto: Eine Gruppe von Sioux im Zirkus Sarrasani, Dresden 1928 / wikipedia