«Zurück zur Blogübersicht«

„Diversity United“ - Wunsch oder Wirklichkeit?

Autor*in: Stephanie
4 Minuten
„Diversity United“ - Wunsch oder Wirklichkeit?

„Diversity United“ ist der Titel einer Ausstellung zeitgenössischer Kunst in einem historisch aufgeladenen Ort in Berlin, dem ehemaligen Tempelhofer Flughafen, einem monumentalen, beängstigenden Dokument der Naziarchitektur für die „Welthauptstadt Germania“. Sie versammelt Werke europäischer Künstler:innen, die größtenteils eine politische Aussage haben.

https://www.stiftungkunst.de/kultur/diversityunited/

„Diversity“ ist gerade allgegenwärtig, Regenbögen in allen Formen und Größen fallen mir in Geschäften und an Fassaden ins Auge, die Stadt Berlin macht eine gelungene Plakataktion, um strukturellen Rassismus ins Bewusstsein zu bringen. Bei manchen Exponaten in dieser Ausstellung frage ich mich jedoch, inwiefern Diversity zu einem Modebegriff wird, der leicht ausgesprochen ist, um das eigene Gewissen zu beruhigen. Diversität wird als Etikett an alle möglichen Inhalte und Dinge angeheftet, bis zu dem Punkt an dem es reine PR- und Marketingzwecke erfüllt. Diversity-Washing statt Greenwashing oder besser noch, beides zusammen. Eine schöne, bunte diskursive Blase, die nur zu oft an der Realität zerplatzt.

Eingangs ruft ein Werk dazu auf, online Weltbürger:in einer fiktiven Nation Antarctica zu werden, verbunden mit einer symbolischen Verpflichtungserklärung, sich für Klimaschutz und Frieden und Gleichheit einzusetzen. Es folgt der Link zur Internetseite mit dem Hinweis, dass man für einen gedruckten Pass einen Euro bezahlen muss. Na, wenn es so einfach ist, mal eben mit ein paar Klicks die Welt zu retten!? Was bleibt am Ende davon übrig außer warmen Worten, dem Gefühl ein guter Mensch zu sein und einem netten Souvenir?

https://www.antarcticaworldpassport.com/en/

Einen ganz ähnlichen Tenor hat eine Installation, bestehend aus einem Foto aus der NS-Zeit, auf dem eine Menschenmenge vereint im Zeigen des Hitlergrußes zu sehen ist. Nur ein Mann steht mit vor der Brust verschränkten Armen mittendrin, was man als bewusste Geste der Verweigerung lesen kann. Daneben sind am Boden 5.000 handtaschengroße Figuren ebendieses Mannes platziert.

Der Aufruf an die Betracher:innen ist, einen Klebezettel mit einer passenden Botschaft an den umliegenden Wänden anzubringen, um dann eines der Figürchen mitzunehmen. Entsprechend des winzigen Formats der Zettel sind die Aufschriften mäßig gehaltvoll, Wünsche von Friede, Freude, Diversity, Demokratie, Eierkuchen und ja, wir lieben uns doch alle, nur nicht die AfD.

Was hat das zu tun mit einem echten Akt des Widerstands, wie ihn Menschen in der Nazizeit geleistet haben, unter Risiko der sozialen Ausgrenzung, beruflichen Benachteiligung und mitunter Lebensgefahr für sich und ihre Familien? Angesichts dessen finde ich es anmaßend, mich damit symbolisch auf eine Ebene zu stellen. Die Figur an sich und das, wofür sie steht ist ein eindrückliches Bild, aber sie mitzunehmen geht für mich über das Motiv des Habenwollens wenig hinaus. Eine gute Frage an die Betrachter:innen wäre gewesen: Hast du dich in einem Akt der Zivilcourage gegen Rassismus und Menschenfeindlichkeit gestellt, in dem du wirklich etwas riskiert hast – oder würdest du es tun auf die Gefahr hin, dafür ausgegrenzt und verfolgt zu werden?

Mit diesem Gedanken verlasse ich die Ausstellung, durchquere die düsteren Hinterhöfe des Flughafengebäudes und gehe entlang einer dröhnenden Hauptstraße bis zum Tempelhofer Feld. Dort sehe ich ein großes, verlassenes Containerdorf, das als Flüchtlingsunterkunft genutzt wurde. Vor einem „Lernzentrum“ stehen bunt bemalte Baumstümpfe in einem Kreis, ich meine die Stimmen der Kinder noch zu hören. Heute holt sich die Natur das Gelände zurück, wildes Grün überwuchert Türschwellen und provisorische Heizungsrohre. Offensichtlich bleiben die Container stehen, um bei Bedarf wieder Menschen aufnehmen zu können. Doch durch die europäische Abschottungspolitik gelangen Geflüchtete jedoch gar nicht mehr bis hierher, wo sie einigermaßen menschwürdige Bedingungen vorfänden, sondern bleiben in der Türkei oder unter unsäglichen Zuständen in Moria oder ertrinken im Mittelmeer. Wenige Meter weiter ist der Zugang zu einem ebenso verlassen wirkenden Impfzentrum, ein Shuttlebus gondelt mit leeren Sitzen auf- und ab. Die ganze Szenerie wirkt besonders gespenstisch vor dem Monumentalbau und der Ideologie, für den er steht, und den Erholung suchenden Berliner:innen, die den Park auf dem früheren Rollfeld bevölkern.

Willkommen zurück in der Wirklichkeit, die eben nicht nur bunt ist und einfache Erklärungen und Lösungen bereithält, sondern die auch voller Widersprüche und dunkler Seiten ist. Es gilt, dies auszuhalten und nach dem Besseren zu suchen in einer langwierigen persönlichen und politischen Auseinandersetzung.

© Foto: eigenes Foto