«Zurück zur Blogübersicht«

„Borga“ – beeindruckender Film zu Migration und globaler Ungerechtigkeit

Autor*in: Stephanie
3 Minuten
„Borga“ – beeindruckender Film zu Migration und globaler Ungerechtigkeit

Der achtfach preisgekrönte Spielfilm „Borga“ (Ghana/Deutschland 2021) war nicht in den Wuppertaler Kinos zu sehen. Beinahe wäre den bergischen Cineast:innen eine herausragende Schilderung der hochaktuellen Themen Migration und globale Ungerechtigkeit entgangen – wäre da nicht die Filmreihe „Offstream“ von Mark Tykwer. Trotz der Pandemie sorgte „Borga“ in der Alten Feuerwache für einen ausverkauften Saal. Tykwer plant, den Film beim „Talflimmern“ im Sommer 2022 nochmals zu zeigen (Update: Termin = 15.7.2022, 22 Uhr > https://www.talflimmern.de/programm). Nicht verpassen!

„Borga“ folgt dem Leben der Hauptfigur Kojo während seiner Kindheit und Jugend in bitterer Armut in Ghana und als junger Erwachsener nach seiner Auswanderung nach Deutschland. Er wächst in einem Slum auf der größten Elektroschrott-Deponie der Welt in Accra auf. Seine Familie lebt vom Zerlegen der Altgeräte, dem Auswurf der europäischen Wohlstandsgesellschaften. Originalaufnahmen der apokalyptischen Landschaft, die als eine der am höchsten mit Umweltgiften belasteten Gegenden der Welt gilt, erinnern an die Doku „Children of Sodom“. 

Kojo beschließt auszuwandern, um sich und seiner in Ghana zurückgelassenen Familie ein Auskommen zu verschaffen. Er ist ehrgeizig, möchte sich um jeden Preis hocharbeiten. Was ihn erwartet, ist jedoch nicht weniger trostlos als sein bisheriges Leben: Er endet obdachlos in der grauen Industriestadt Mannheim. Ein ominöser reicher Onkel entpuppt sich als Lüge, dahinter stecken Landsleute, die mit gestellten Fotos umgeben von Statussymbolen junge Männer anlocken, um sie in ihren kriminellen Strukturen auszubeuten. Eingereist ohne Papiere als „illegaler Einwanderer“ bleibt Kojo keine andere Möglichkeit, als sich bei ihnen unter Gefahr für Leib und Leben mit Drogenschmuggel und der Schieberei von Elektroschrott zu verdingen. 

In dieser Halbwelt steigt er auf, erfüllt die Aufträge der Bosse pendelnd zwischen Deutschland, seiner Heimat und anderen afrikanischen Staaten. Dadurch wird Kojo „reich“, erfüllt scheinbar seinen Traum, selbst ein mächtiger Mann zu werden (in seiner Muttersprache ein „Borga“) - allerdings um den Preis von Einsamkeit, Selbstaufgabe und Selbstausbeutung. Seine Familie verlangt immer mehr Geld. Ihm und seinen Angehörigen hilft es nicht aus der Misere, sondern zieht sie nur weiter hinein in den Sumpf aus Gewalt, Ohnmacht und Abhängigkeit. Hoffnung und Halt gibt ihm die Beziehung zu einer deutschen Frau, außerdem bleibt sein Stolz und sein Lebenswille allen Widrigkeiten zum Trotz ungebrochen. 

Dabei folgt Kojo einem fragwürdigen Ideal von Männlichkeit beim Zurschaustellen von Reichtum, Skrupellosigkeit und Überlegenheit. „Get rich or die trying“ ist die Maxime, die sich in Form eines Graffitos durch den Film zieht. Dem entgegen stehen starke Frauen, die sich in einer männerdominierten Welt zu behaupten wissen. 

Bemerkenswert an der Geschichte ist, dass alle Beteiligten sowohl in Ghana als auch in Deutschland von den sozialen Umständen Getriebene sind, in die sie tief verstrickt sind. Dadurch wird „Borga“ zur Tragödie: Dem Helden gelingt es selbst durch seine Flucht nicht, auszubrechen, sondern er trägt durch sein Handeln dazu bei, das System aufrechtzuerhalten, das ihn fesselt. Für den Einzelnen ist es nahezu unmöglich, sich daraus zu befreien. 

Damit führt die Kritik an den bestehenden Machtverhältnissen weit über die Ebene des Subjekts hinaus. In einem unmoralischen, unmenschlichen System (dem globalisierten Kapitalismus) lässt sich kein moralisches, menschenwürdiges Leben führen. Die Handlung folgt damit der marxistischen Sicht „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“, ganz im Stil der naturalistischen Romane von Zola, Steinbeck und anderen Autoren oder der sozialkritischen Filme von Ken Loach. Dadurch fordert „Borga“ zu politischem Handeln auf, zu einer Überwindung der massiven strukturellen Gewalt, die einem ungezähmten Kapitalismus mit neokolonialen und rassistischen Elementen zugrunde liegt.

Film-Website: https://borga-themovie.com/

© Foto: „Across Nations“